Forschung: Epidemiologische Untersuchung zu Rückenschmerzen

Dr. med. Axel Budahn hat sich in den Jahren 2010 bis 2015 intensiv mit einem der häufigsten Anlässe beschäftigt, weswegen Patienten ihren Hausarzt aufsuchen: Rückenschmerzen. Hieraus erwuchs eine Forschungsarbeit, für die er 2015 die Doktorwürde der Ruhr-Universität Bochum erhielt.

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Hintergründe

Rückenschmerzen sind ein immenses individuelles, gesundheitswissenschaftliches und volkswirtschaftliches Phänomen. Etwa ein Viertel der Bevölkerung muss pro Jahr mit einer Episode rechnen, mit hoher Varianz von Intensität und Dauer, mit leider vielen chronischen Verläufen. Bis zu 30 Milliarden Euro jährlich kostet dieses Phänomen allein in Deutschland. Eine große Zahl anatomischer Strukturen ist an ihrem Entstehen beteiligt. Auch bei leitliniengerechter Durchführung wird hierdurch eine genaue Diagnose sehr erschwert. Arbeitsbedingungen, tägliche Aktivität, familiäre Faktoren und psycho-soziale Rahmenbedingungen des Einzelnen tragen zu ihrem Entstehen bei. Die Empfehlungen zu gezielter Patientenberatung, medikamentöser, physiotherapeutischer, psychologischer und operativer Therapie sind oft uneinheitlich.

Ziele der Forschungsarbeit

Die vorliegende Arbeit untersucht die Inzidenz und den Verlauf von Rückenschmerzen in einer unselektionierten, hausärztlichen Population. Dabei sollen Einflussfaktoren beschrieben werden, diagnostische und therapeutische Erfahrungen der Patienten erfasst werden und ein Zustandsbild zur Versorgung von Rückenschmerzen in der Bevölkerung deutlich werden. Hierzu wurden in einem fünfmonatigen Zeitraum die Patienten einer Hausarztpraxis zu Rückenschmerzen befragt. 2.175 von 2.899 Patienten beantworteten einen standardisierten Fragebogen zum Thema. Eine statistische Auswertung der Daten soll Beziehungen zwischen einzelnen Fragekomplexen und dem Vorliegen und Verlauf von Rückenschmerzen sichtbar machen. Die so erhobenen Daten werden mit den zwar vielfältigen, aber oft widersprüchlichen Angaben der wissenschaftlichen Literatur korreliert.

Ergebnisse

Von den ausgewerteten Patienten hatten 66,5% Erfahrungen mit Rückenschmerzen, davon 14,8% mit chronischem Verlauf. Rückenschmerzpatienten waren 3,6 Jahre älter als der befragte Durchschnitt. Frauen klagten über mehr chronische Verläufe. Hafenarbeiter hatten mit 80,6% eine besonders hohe Inzidenz, Lehrer und Studenten lagen mit ca. 47% unter dem Durchschnitt. Körperlich schwere und seelisch beanspruchende Arbeit korreliert mit erhöhtem Auftreten von Rückenschmerzen, aber auch Arbeitslose sind stärker betroffen als der Durchschnitt. Sporttreiben und ein normales Körpergewicht sind mit weniger Kreuzschmerz assoziiert. Familiäre Vorbelastung mit Rückenschmerzen, besonders bei Verwandten ersten Grades, prädisponiert erheblich zu deren Auftreten. Über 23% der Patienten konsultieren wegen der Beschwerden keinen Arzt. Von denen, die dies tun, gehen fast 80% zum Orthopäden. Zirka 55% der Patienten erklären ihren Schmerz durch schwere Arbeit oder falsche Körperhaltung. Obwohl die meisten Patienten glauben, dass Bewegung gegen den Schmerz gut tut, wählen über 47% bei akuten, und 30% bei chronischen Schmerzen lieber Schonung und Bettruhe. Frauen bevorzugen im Vergleich zu Männern eher die Aktivität als die Schonung.

Diskussion

Die Zahl von Rückenschmerzen und deren Bezug zu Alter und Geschlecht bestätigen bisherige Untersuchungen. Auch der Einfluss von Beruf und Arbeitsbedingungen korreliert mit dem, was wir bereits wissen. Besonders Hafenarbeiter sind in der Bremerhavener Bevölkerung von Rückenschmerzen betroffen, was spezielle Präventionsprogramme für diese Gruppe rechtfertigt. Obwohl der positive Effekt von körperlicher Aktivität und Sport auf Rückenschmerzen gut belegt ist, hat ein großer Teil der Befragten immer noch den Wunsch, dem Schmerz durch Schonung, bis hin zur Bettruhe zu begegnen. Ein hoher Zusammenhang mit der familiären Vorgeschichte (besonders der Mutter), wie in den vorliegenden Daten, wird von der befragten Population selbst nicht als so prädisponierend wahrgenommen wie harte körperliche Arbeit und Fehlhaltung. Diagnostik und Therapie der Schmerzen sind oft nicht leitliniengerecht und enthalten Elemente mit nur niedriger Evidenz. Insbesondere die hohe Zahl von Patienten, die auch bei zeitweiligen Beschwerden geröntgt werden überrascht. Auch der erhebliche Anteil von Patienten, der mit intramuskulären Injektionen Nicht-Steroidaler Antirheumatika therapiert wurde, muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden.